C – PREDIGT – Ostermontag 1922

Ostermontag – 18. April 2022 – C – PREDIGT

„Herr, bleibe bei uns, denn es will Abend werden, und der Tag hat sich geneiget.“ (gesungen)

Kennen Sie diesen schönen kurzen Kanon?
Es ist ja ein Satz aus dem heutigen Evangelium, der in dieser schlichten Melodie vertont ist, eine Zeile aus der Geschichte von den Emmaus-Jüngern. Wir haben sie gerade gehört. Am Ende ihres Weges von Jerusalem nach Jericho laden sie Jesus ein, bei ihnen zu übernachten, und ihre Einladung besteht eben in diesen Worten: „Herr, bleibe bei uns, denn es will Abend werden, und der Tag hat sich geneiget.“

Erstmal ist dieser Satz ein Ausdruck der Gastfreundschaft.
Die beiden wollen den, mit dem sie unterwegs waren, der ihnen im Gespräch ans Herz gewachsen war, nicht einfach so weiterziehen lassen.
Sie laden ihn ein, den Abend, die Nacht bei ihnen zu verbringen, sie bieten ihm ihre Gastfreundschaft an.
Sie öffnen ihm ihr Haus, bieten im Unterkunft und Schutz. „Herr, bleibe bei uns, denn es will Abend werden, und der Tag hat sich geneiget.“

Aber bald stellt sich heraus, dass sie, – die Gastfreundschaft Schenkenden – , in Wahrheit die Beschenkten sind.
Der, den sie da aufnehmen, erweist sich als der, der sie aus ihrem Kummer und ihrem Leid herausholen kann.
Ihr Unglück verwandelt sich in Glück, ihre Trauer um den gestorbenen Herrn verwandelt sich in Freude über den Auferstandenen.
Am Brotbrechen erkennen sie ihn, begreifen, dass er lebt und nach wie vor in der Lage ist, ihnen Leben und Heil zu schenken.

Und so erweist sich die gastfreundliche Einladung in Wirklichkeit als Gebet.
Nicht er ist der, der ihre Gastfreundschaft braucht, sondern sie sind es,
die immer wieder darauf angewiesen sind, dass der Herr bei ihnen bleibt,
wenn es bei ihnen, in ihrem Leben Abend wird,
wenn sich der Tag neigt und Dunkelheit über sie hereinbricht.

„Herr, bleibe bei uns, denn es will Abend werden, und der Tag hat sich geneiget.“ diese kurzen Worte können uns immer wieder in unserem Leben begleiten und trösten:

Wenn Ängste und Sorgen uns bedrücken und unser Leben verdunkeln, ob es eine Krankheit ist oder ein Schicksalsschlag;
ob es Sorgen um den Partner oder vielleicht auch berufliche Probleme oder Ängste sind;
ob es die Frage ist, welchen Weg unsere Kinder oder Enkel gehen werden und wer sie da begleitet,
oder ob es vielleicht auch bloß die Fülle der Alltagsaufgaben und Sorgen sind, die zuviel werden, die mich überfordern, die mich an die Grenzen meiner Kraft führen.
„Herr, bleibe bei uns, denn es will Abend werden, und der Tag hat sich geneiget.“ –

Ob es Probleme und Nöte sind, die unsere Welt verdunkeln, wenn wir uns fragen, in welche Nächte und Dunkelheiten unsere Welt hineinsteuert – gerade im Moment.
Und das können wir uns jeden Tag fragen, wenn wir die Zeitung aufschlagen und wieder lesen von Gewalt, Hunger und Krieg und tiefe menschliche Not.
„Herr, bleibe bei uns, denn es will Abend werden, und der Tag hat sich geneiget.“

Und nicht zuletzt kann dieser Vers ein Gebet werden für den Abend unseres Lebens, wenn wir spüren, dass unser ganz persönliches Lebenslicht schwächer wird.
Für manche und manchen unter uns ist das eine durchaus spürbare Wirklichkeit.
Das, was sozusagen den hellen Tag ihres Lebens ausgemacht und erfüllt hat, das wird Schritt um Schritt weniger: Die körperlichen und geistigen Kräfte lassen nach, die Familie, die Kinder und Enkel gehen ihre eigenen Wege, die beruflichen Aufgaben sind längst Vergangenheit.
Freunde und Bekannte von damals leben oft nicht mehr.

Aber einer verlässt uns nie, wir dürfen ihn immer wieder zu uns einladen, und er bleibt und gibt jedem Abend und jeder Dunkelheit unseres Lebens Licht.
Wir dürfen beten oder singen:
„Herr, bleibe bei uns, denn es will Abend werden, und der Tag hat sich geneiget.“

Dass Jesus diese Einladung der beiden angenommen hat, dass er bei ihnen blieb und sie getröstet und gestärkt hat, das haben die Emmaus-Jünger am Brotbrechen erkannt.

Und so ist dieses Brot seit 2000 Jahren auch für uns das Zeichen, an dem wir erkennen, dass Jesus bei uns ist und bei uns bleibt bis dahin, wo es Abend wird und sich das Leben dem Ende entgegen neigt und auch noch darüber hinaus.

In diesem Gedanken und mit diesen Worten im Ohr wollen wir immer wieder Gottesdienst feiern und Mahl halten, miteinander und mit dem auferstandenen Herrn:
„Herr, bleibe bei uns, denn es will Abend werden, und der Tag hat sich geneiget.“

Amen.

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