29.04.06 „Warum gerade ich?“

Wort zum Sonntag 29.04.06 „Warum gerade ich?“

Hej Leute, warum ich? Warum gerade ich – hab keine Ahnung, verstehe es absolut nicht! Ich wäre doch viel eher dran! Natürlich bin ich froh, alle freuen sich bei uns – aber wieso ich? Gut, viele Leute haben an mich gedacht, viele haben auch für mich gebetet – für andere doch auch!? Warum dann ich? Ich hab selbst natürlich auch gebetet, gefleht, gehofft – vor der Operation sehr viel, auch in kurzen Abständen. Nach der Operation wurden die Abstände länger, heute schäme ich mich manchmal, hab schon fast alles vergessen. Dennoch sieht alles gut aus, hab es wohl gepackt, brauch noch ein bisschen Zeit. Aber warum ich? Warum nicht die türkische Mutter mit 40 Jahren und vier Kindern? Krebs überall – von Kopf bis Fuß! Warum nicht der 31-jährige Vater, mein Bettnachbar in meinem Zimmer? Darmkrebs, Tochtergeschwülste in der Leber, wahrscheinlich auch Blasenkrebs – er hat so eine nette Frau und eine 3-jährige Tochter. Die ganze Station in der Uniklinik war voll von schlimm betroffenen Menschen, vielen schaute der Tod aus den Augen, ich habe viele gesprochen beim Rauchen auf dem Balkon. Bei mir scheint es gut zu gehen, trotz vieler Komplikationen, warum bei mir? Auch an die anderen haben viele gedacht, auch sie haben gebetet, gezürnt und gehofft, auch sie werden gebraucht. Sie haben aber nicht wirklich eine Chance.

Eigentlich habe ich immer Glück gehabt in meinem Leben und das schon 60 Jahre. Natürlich war ich schon öfter krank, auch schwer, aber ich bin immer wieder gesund geworden. Es ist immer alles gut gegangen, bis heute und das ist lange.

Immer wenn es düster aussah, ist es hinterher besser weitergegangen. Warum gerade ich? Habe eine tolle Familie, gute Kinder, vorbildliche Freunde, die Arbeit macht mir Spaß! Außer fehlenden paar Euro geht’s mir nur gut. Warum?

Ich brauche keine Zeitung und kein Fernsehen um zu sehen, wie tief bescheiden es anderen geht, knüppeldick kommt es auf Menschen, Familien, ja auf ganze Landstriche und Völker zu. Oft ohne Schuld, oft ohne Eigenes zutun, ganz plötzlich schlägt das Unheil zu, zerstört Leben, macht Beziehungen kaputt, trifft die, die ohnehin schon arm dran sind, die sowieso nichts vom Leben haben. Immer noch eins oben drauf und immer wieder.

Ich bin auch noch krank, sitze aber auf der Terrasse in der Sonne, erlebe den Frühling, der Kaffee schmeckt und ich freue mich des Lebens. Warum ich? Ich will ja, ich lebe ja gerne – aber die andern doch auch!

Den Schutzengel, den mir meine Frau vor der Operation geschenkt hat habe ich nach erfolgreicher Operation an meinen jungen Zimmerkollegen weitergegeben. Skeptisch hat er ihn angenommen und war nach der Operation so dankbar – wenigstens kein Blasenkrebs! Woher nimmt dieser Mann den Mut? Wie bescheiden und demütig muss man noch werden. Manchmal ist selbst Leben unerträglich, doch Hoffnung stirbt zuletzt!

Ich liebe meinen Gott aber ich verstehe ihn so wenig. Ich bin dankbar – wenn ich dran denke – dass es mir gut geht, aber ich begreife es nicht wirklich. Ich freue mich, dass ich leben darf – aber warum nicht die Anderen?

Ich kann Auerstehung wirklich feiern, wenigstens wieder dieses Jahr, warum ist für viele nur Karfreitag?

Mein Verstand ist zu klein. Vielleicht kann oder muss ich es wirklich nicht verstehen. Vielleicht sag ich einfach nur öfter „Danke“, öfter „Halleluja“. Vielleicht freue ich mich einfach, auch wenn ich das Leben nicht annähernd begreife. Vielleicht bete ich einfach weiter – doch in kürzeren Abständen – ganz dankbar und bescheiden, ich kenne so viele, die es dringend brauchen. Helfen Sie doch einfach mit, auch wenn es Ihnen gut geht.

Ihr Arthur Springfeld, Diakon

Schreiben Sie einen Kommentar

Ihre E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahren Sie mehr darüber, wie Ihre Kommentardaten verarbeitet werden .